Wie trifft eine Pensionskasse ihre Entscheide? Wer stellt sicher, dass die Interessen der Versicherten stets im Zentrum stehen? Bei Abendrot übernimmt diese Verantwortung der Stiftungsrat – ein Gremium aus engagierten Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden angeschlossener Betriebe.
In unserer Interviewserie geben Mitglieder des Stiftungsrats Einblick in ihre Motivation, ihre Arbeit und ihre Sicht auf die nachhaltige Vorsorge. Diesmal stellen wir Maria Iannino Gerber vor. Sie wurde 2008 als Suppleantin gewählt und ist seit 2011 Stiftungsrätin. Seit 2011 war sie zudem im Anlageausschuss und nach dessen Aufteilung 2015 im Anlageausschuss Immobilien – bis Juni 2026.
Liebe Maria, was hat dich persönlich motiviert, im Stiftungsrat der Abendrot Verantwortung zu übernehmen?
Als Delegierte habe ich die Arbeit des Stiftungsrates an den Delegiertenversammlungen immer kritisch verfolgt und habe mich ab und zu auch eingebracht. Dies führte dazu, dass ich mich für den Stiftungsrat bewarb. Ich wollte mitgestalten und die Sicht einer «Gewerblerin» einbringen. Obschon ich als Vertreterin der Arbeitgebenden Einsitz nehme, so verliere ich jeweils auch die Optik der Arbeitnehmenden nicht.
Abendrot steht für die Verbindung von Vorsorge, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Welche Werte sind dir in deiner Arbeit besonders wichtig?
Die Vorsorge steht immer im Vordergrund, jedoch liegen mir die gesellschaftlichen Auswirkungen verbunden mit der Nachhaltigkeit sehr am Herzen. Diese zwei Elemente können nicht isoliert betrachtet werden, denn die gesellschaftlichen Handlungen haben Einfluss auf die Nachhaltigkeit und umgekehrt. Mir ist es wichtig, eine gute und tragbare Balance zwischen den Bereichen zu finden und jeweils Entscheide zu fällen, die die kommenden Generationen nicht belasten, weder finanziell noch gesundheitlich.
Wo siehst du die grössten Herausforderungen für eine nachhaltige Pensionskasse wie Abendrot in den kommenden Jahren?
Die grösste Herausforderung ist nach wie vor die finanzielle Absicherung der Renten (sprich Umwandlungssatz). Umso mehr, als ich eine Verfechterin des Renten- und nicht des Kapitalbezugs bin. Aus meiner Sicht ist es gesellschaftlich nicht angebracht, die Rente als Kapital zu beziehen und später möglicherweise durch ungeschicktes Verhalten oder durch Pechsträhnen auf Staatshilfe angewiesen zu sein. Anderseits müssen die Rentenbezüge durch die Pensionskasse sicher abgedeckt sein.
Was sind aus deiner Sicht aktuell die grössten Spannungsfelder zwischen Sicherheit, Rendite und Wirkung im Anlagegeschäft?
Als nachhaltige Pensionskasse ist aus meiner Sicht die Wirkung im Anlagegeschäft hoch zu werten, ohne dabei die Rendite aus den Augen zu verlieren. Ich schätze es sehr, dass unsere Anlagestrategie gewisse Wertanlagen – etwa in Atomenergie oder Waffenproduktion – ausschliesst und dafür Pionierinnen und Pionieren die Möglichkeit gibt, sich am Finanzmarkt zu etablieren.
Du hast dich über viele Jahre, bis Juni 2026, im Ausschuss Immobilien engagiert. Was bedeutet für dich gutes Wohnen – und welche Rolle kann eine Pensionskasse dabei spielen?
Gutes Wohnen ist, wenn Mieterinnen und Mieter sich wohl fühlen und gerne in einer Abendrot-Immobilie wohnen. Eine Umfrage hat gezeigt, dass die grosse Mehrheit sehr zufrieden mit ihrem Mietverhältnis ist. Einige Immobilienobjekte wurden und werden mit Mietinteressentinnen und Mietinteressenten gemeinsam entwickelt. In grösseren Siedlungen organisieren sich die Mieterinnen und Mieter für ihre Anliegen und für ihre Freizeitgestaltung in Arealvereinen. Das ist für mich lebendiges Wohnen!
Ich kann nicht beurteilen, ob andere Pensionskassen diesen Spielraum auch ausschöpfen, aber ich bin stolz, dass Abendrot dies seit Jahrzehnten tut. Abendrot ist Pionierin in der Wiederverwendung von Baumaterialien. Sie hat ein eigenes Wasserkraftwerk und viele Photovoltaikanlagen. Sie ist bekannt dafür, nicht nur neue Bauten aufzustellen, sondern auch altgedienten Fabriken und Arealen neue Funktionen zuzuweisen. Wo andere tabula rasa machen und Neubauten erstellen, entwickelt Abendrot im Bestand neue Wohnungen und Gewerberäume.
Wie erlebst du die Zusammenarbeit im Stiftungsrat – was zeichnet das Gremium deiner Meinung nach besonders aus?
Obschon der Stiftungsrat paritätisch aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretung zusammengesetzt ist, verläuft die Diskussion selten entlang dieser beiden Lager. Ich schätze es sehr, dass kontroverse Themen vertieft und falls nötig an mehreren Sitzungen diskutiert werden. Dieser Lernprozess ermöglicht eine Weiterentwicklung von Positionen und Haltungen, die schlussendlich zu einem soliden, gemeinsam getragenen Entscheid führen. Diese Diskussionsart ist eine grosse Herausforderung für die Verwaltung (Protokollführung, neue und mehrere Entscheidungsunterlagen erarbeiten), aber für mich als Stiftungsrätin ein Gewinn bei der Entscheidungsfindung. Zum Glück gibt es nicht oft Anliegen, die diesen Denkprozess benötigen. Ich schätze die Offenheit und die unterschiedlichen Erfahrungen meiner Stiftungsratskolleginnen und Stiftungsratskollegen sehr.
Was aus deinem bisherigen beruflichen oder persönlichen Weg hilft dir heute besonders in deiner Arbeit als Stiftungsrätin? Und was hat dich dein Engagement im Stiftungsrat persönlich gelehrt?
Ich denke, meine diversen politischen Tätigkeiten auf kantonaler und kommunaler Ebene der letzten zwanzig Jahre haben einen grossen Einfluss auf mein Tun im Stiftungsrat. In der Politik habe ich gelernt, das Grosse und Ganze zu sehen, gesellschaftliche und generationenübergreifende Entscheide zu fällen und nachhaltig zu handeln.
Mein Engagement im Stiftungsrat hat mich vieles über Finanzen, Ratings und Renditen gelehrt und das Bewusstsein, die persönliche Verantwortung gegenüber Destinatärinnen und Destinatären zu tragen.
Wenn du fünf Jahre vorausblickst: Was wünschst du dir für die Stiftung Abendrot und ihre Versicherten?
Ich hoffe, dass die Stiftung Abendrot wie in den letzten Jahren weiterhin erfolgreich handeln kann und dass sie ihren jetzigen Rentenumwandlungssatz halten kann. Es tönt schönfärberisch oder gar missionarisch, aber ich wünsche mir Frieden, damit wir weiterhin auf dieser Erde leben, arbeiten und Renten beziehen können. Ich wünsche mir jedoch auch klarere gesetzliche Vorgaben für Angestellte mit kleinen Pensen und mehreren Arbeitgeberinnen.