«Viele Entscheidungen sind weniger dringend, als sie scheinen»

Stabsübergabe im Stiftungsrat: Urs Bieri, links und Markus Staub, rechts

Fünfeinhalb Jahre lang hat Markus Staub den Stiftungsrat von Abendrot präsidiert – gewählt ins Gremium wurde er bereits 2009. In dieser Zeit ist die Bilanzsumme der Stiftung von 700 Millionen auf über 3 Milliarden Franken gewachsen, Prozesse wurden digitalisiert, Kompetenzen neu verteilt. Nun übergibt Staub das Amt an Urs Bieri. Im Gespräch blickt er zurück auf die prägendsten Momente seiner Amtszeit.

 

Lieber Markus, wenn du auf deine Zeit als Präsident des Stiftungsrats zurückblickst – was war für dich die prägendste Phase oder Entscheidung?

Die mit Abstand prägendste Phase meiner fünfeinhalb Jahre als Präsident war der extern begleitete Strategieentwicklungsprozess. Dabei wurden im Strategieausschuss unter teilweise grosser Reibung unterschiedliche Bilder abgeglichen und erfolgreich gemeinsame Ziele definiert und verabschiedet.

Unvergesslich bleibt für mich auch die Entscheidung zur Auszahlung einer einmaligen zusätzlichen Rente. Nach engagierter Diskussion war dabei unerwartet der erste Stichentscheid in der Geschichte von Abendrot zu fällen.


Wie hat sich die Stiftung Abendrot während deiner Amtszeit am deutlichsten verändert – fachlich, kulturell oder organisatorisch?

Seit meiner Wahl in den Stiftungsrat ist Abendrot von einer Bilanzsumme von 700 Millionen auf über 3 Milliarden Franken gewachsen. In diesen 16 Jahren wurden immer mehr Prozesse digitalisiert und automatisiert sowie Leitfäden geschaffen. Die Anlageausschüsse, die Kommunikation und der Online-Auftritt wurden professionalisiert und die interne Expertise gezielt aufgebaut und erweitert. Dank der Delegation von Entscheidungskompetenzen an die Anlageausschüsse kann sich der Stiftungsrat heute stärker auf seine strategischen Aufgaben konzentrieren.


Was hat die Arbeit im Stiftungsrat für dich besonders gemacht – und was war vielleicht herausfordernd?

Für neu gewählte Stiftungsratsmitglieder ist oft überraschend, dass bei Abendrot – anders als in einer Unternehmens-Pensionskasse – nicht die Interessenvertretung von Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden im Zentrum steht, sondern die gemeinsame gute Führung einer Sammelstiftung.

Es war für mich eine anspruchsvolle und zugleich sehr bereichernde Erfahrung, als Milizorgan ein hochprofessionelles Team von Pensionskassen- und Anlagespezialistinnen und -spezialisten zu führen. Besonders geschätzt habe ich die tiefen Einblicke in zentrale soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge. Mein Interesse an operativen Details führte allerdings zu Beginn meines Präsidiums auch zu Spannungen mit der Geschäftsleitung, die meine Rolleninterpretation teilweise als zu operativ empfand.


Wie gelingt es, in einem Gremium mit so unterschiedlichen Perspektiven tragfähige Entscheidungen zu treffen?

Bei Abendrot haben wir gute Voraussetzungen, aus Stiftungsräten und Stiftungsrätinnen mit sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen ein Team zu formen, das am selben Strick zieht. Grundlage dafür ist eine starke Werteorientierung, eine klare Strategie und sorgfältig aufbereitete Entscheidungsgrundlagen. Daneben planen wir ausreichend Zeit für den persönlichen Austausch im Anschluss an Sitzungen und während Retraiten ein. Mir persönlich war es wichtig, die unterschiedlichen Einschätzungen der Stiftungsratsmitglieder aktiv einzubeziehen. Mitunter haben wir auch einen Entscheid vertagt und reifen lassen – nicht immer zur Freude der Geschäftsleitung.

 

Gibt es ein Projekt oder eine Entwicklung, auf die du besonders stolz bist, weil sie den Geist der Abendrot verkörpert?

Wegweisend war sicher die Entwicklung einer systematischen Definition und Erfassung der Nachhaltigkeit sämtlicher Investitionen. Mit spezifischen Kriterien für Wertschriftenanlagen und Immobilien entstand ein einfach verständliches Führungsinstrument, das Transparenz, Nachvollziehbarkeit und eine sinnvolle Granularität verbindet.

Ebenfalls charakteristisch für Abendrot sind für mich der Aufbau der eigenen Liegenschaftsverwaltung sowie die kürzliche Übernahme des Case Managements entgegen dem allgemeinen Auslagerungstrend in der Pensionskassenwelt. Dahinter steht die Haltung, Verantwortung möglichst direkt wahrzunehmen und für allfällige Unzulänglichkeiten auch selbst einzustehen.

 

Welche Gedanken oder Wünsche gibst du deinem Nachfolger mit auf den Weg?

Ich wünsche meinem Nachfolger Urs Bieri die entschiedene Gelassenheit und das Vertrauen darauf, dass tragfähige Lösungen wachsen dürfen und nicht übers Knie gebrochen werden müssen. Viele Entscheidungen sind weniger zeitkritisch, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Ausserdem wünsche ich ihm, dass die Stiftungsratsmitglieder weiterhin engagiert ihre unterschiedlichen Sichtweisen einbringen, Fragen stellen und kritisch nachhaken, so dass belastbare Entscheidungen getroffen werden.


Was nimmst du persönlich aus dieser Zeit mit?

Es freut mich, dass ein Anliegen, das ich bei meiner Wahl formuliert hatte, heute systematisch umgesetzt wird: Das bei Abendrot angesparte Alterskapital finanziert mittlerweile auch Entwicklungsschritte von Unternehmen im Weltsüden, die nur beschränkten Zugang zu Darlehen haben. Dadurch konnte die positive Wirkung auf Mensch und Natur deutlich erweitert werden.

Vor allem aber bleibt Dankbarkeit. Gute Dienstleistungen und solide Renditen für die angeschlossenen Versicherten fallen nicht vom Himmel. Sie sind das Arbeitsergebnis motivierter Mitarbeitender und hoch engagierter Geschäftsleitungsmitglieder auf der Geschäftsstelle und in der Immobilienverwaltung. Sie prägen gemeinsam die positive Wahrnehmung von Abendrot.

Lieber Markus

2009 wurdest du in den Stiftungsrat gewählt und hast in den vergangenen fünfeinhalb Jahren Abendrot als Präsident durch die Gewässer gesteuert – überlegt, ruhig und mit Weitsicht. Dein Blick fürs Ganze, deine besonnene und verbindende Art sowie dein grosses Engagement haben Abendrot langfristig geprägt. Wir danken dir herzlich für deinen langjährigen Einsatz und die wertvollen Impulse, die du eingebracht hast, und wünschen dir für die Zukunft alles Gute.

Der Stiftungsrat, auch im Namen der Geschäftsstelle und Mitarbeitenden von Abendrot

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