«Ich verstehe meine Funktion stärker als Moderator denn als Gestalter»

Stabsübergabe im Stiftungsrat: Urs Bieri, links und Markus Staub, rechts

Urs Bieri übernimmt das Präsidium des Stiftungsrats von Abendrot in einer Phase, in der die Stiftung finanziell gesund und nachhaltig positioniert ist. Im Gespräch erklärt er, weshalb er eine Pensionskasse nicht mit einem Startup vergleicht, wie er den Stiftungsrat als Diskursgremium versteht – und welche gesellschaftlichen Entwicklungen ihn in den kommenden Jahren am meisten beschäftigen.

 

Lieber Urs, du übernimmst das Präsidium in einer Stiftung mit einer klaren Haltung und einer erfolgreichen Entwicklung. Was möchtest du bewahren – und wo möchtest du neue Akzente setzen?

Die Ziele und die Aufgaben einer Pensionskasse definieren sich stark aus der generellen Funktion und den gesetzlichen Vorgaben. Eine Pensionskasse ist kein Startup, in dem man wöchentlich ohne Scheuklappen über ein neues Geschäftsmodell diskutiert, sondern ein Konstrukt, das langfristig und zuverlässig die Altersvorsorge unserer Destinatärinnen und Destinatäre gewährleisten muss. Der Stiftungsrat nimmt diese Aufgabe ernst und richtet seine Handlungen danach aus.

Wir sind aber auch überzeugt, dass unsere Altersvorsorge nur langfristig gesichert ist, wenn wir unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Tun nachhaltig ausrichten und uns damit selber im Alter eine lebenswerte Welt erhalten. Abendrot gelang es in der Vergangenheit hervorragend, Rentabilität mit nachhaltigem und wirkungsorientiertem Investment zu verbinden und damit als Pensionskasse einen sichtbaren Beitrag zur Verschmelzung der beiden Welten zu leisten. Es braucht keinen weiteren Hitzesommer, um zu verstehen, dass wir nicht am Ziel sind. Die Arbeit geht uns als Abendrot also nicht aus, mit neuen, aber auch altbewährten Akzenten.

 

Abendrot verbindet finanzielle Sicherheit mit nachhaltiger Wirkung. Was bedeutet dieser Anspruch für dich persönlich?

Finanzielle Sicherheit und nachhaltige Wirkung sind langfristig das Gleiche. Was nützen kurzfristig hohe Aktiengewinne aus nicht nachhaltigen Geschäftsmodellen, wenn wir alle dafür die nächsten 30 Jahre riesige Summen in die Minimierung von Folgeschäden aus nicht nachhaltigen Geschäftsmodellen investieren müssen. Alleine die Instandhaltung unseres Abwassernetzes und Adaption an neue Starkregensituationen kostet die nächsten 30 Jahre gemäss Bund rund 100 Milliarden Franken, erste Schätzungen halten weitere 100 Milliarden für einen Aufbau eines funktionierenden Wasserspeichersystems nach Wegschmelzen der Gletscher für möglich. Ich frage mich schon: stimmt hier die Bilanz?

Abendrot sucht hier den anderen, nachhaltigen Weg und ist darin auch nicht perfekt. Es ist mir aber wichtig, dass Abendrot weiterhin diesen Weg mit Ausdauer und Pioniergeist vorangeht. Wir sind es uns und den nachfolgenden Generationen schuldig.

 

Was ist dir in der Zusammenarbeit mit dem Stiftungsrat und der Geschäftsleitung besonders wichtig?

Der Stiftungsrat einer Pensionskasse ist ein Milizgremium. Arbeitnehmende und -gebende richten die Pensionskasse entlang der gesetzlichen Vorgaben und im Sinne der Destinatärinnen und Destinatäre strategisch aus und kontrollieren das operative Geschäft. Dies verlangt vom Stiftungsrat ein hohes Verantwortungsgefühl für die Sache – aber auch eine intensive Zusammenarbeit mit beratenden Expertinnen und Experten und der operativen Geschäftsstelle.

Ich verstehe den Stiftungsrat als Diskurs- und Entscheidgremium, in dem alle Beteiligten, Geschäftsstelle, Stiftungsrat und Expertinnen und Experten ihre individuellen Sichten und Erfahrungen für ein besseres Ganzes einbringen. Als Präsident sehe ich meine wichtigste Aufgabe darin, diesen Diskurs auf Augenhöhe zu ermöglichen und damit das Gremium zu informierten und reflektierten Entscheidungen zu bringen. Als Präsident verstehe ich meine Funktion entsprechend stärker als Moderator denn als Gestalter.

 

Du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Welche Veränderungen werden die berufliche Vorsorge in den nächsten Jahren besonders prägen?

Auf der einen Seite gilt es, die bekannten Probleme rund um die Ausfinanzierung der Altersvorsorge anzugehen und Veränderungen in Erwerbsbiografien korrekt zu adressieren. Wir müssen Lösungen dafür haben, dass Menschen unterdessen einfach älter werden und anders arbeiten, als bei der Einführung der 2. Säule 1985 erwartet wurde. Pensionskassen leisten hier im Alltag einen wichtigen Beitrag, aber ohne Politik wird es nicht gehen.

Auf der anderen Seite steht das aktuelle Erwerbsmodell möglicherweise an einem Scheideweg. KI definiert womöglich ganze Berufsfelder neu. Optimistinnen und Optimisten gehen davon aus, dass sich in dieser Entwicklung riesige Chancen auch für Arbeitnehmende verbergen. Pessimistinnen und Pessimisten befürchten eine Massenarbeitslosigkeit. Vielleicht stimmt beides, in einer zeitlichen Entwicklung. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte in einer ersten Phase zu einer Armut in europäischen ländlichen Regionen bei jeder dritten Person. Die Gemeinde Rothrist zahlte 1855 50’000 Franken «Motivationsprämie», damit jeder zehnte Gemeindeeinwohner die Schweiz Richtung USA verliess und der Gemeinde nicht mehr auf der Tasche sass. In einer zweiten Phase resultierte aus der Industrialisierung die Wohlstandsgesellschaft, wie wir sie in der Schweiz heute kennen. Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung die KI unsere Gesellschaft entwickelt. Eine Pensionskasse im Umfeld von 30 Prozent Arbeitslosigkeit zu navigieren, stelle ich mir sehr anspruchsvoll vor. Das beschäftigt mich.

 

Wo siehst du die grössten Chancen, Abendrot in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln?

Abendrot ist eine Gruppe von rund 1300 Unternehmen mit rund 17’000 Arbeitstätigen, die eine sichere und zuverlässige Altersvorsorge wollen und damit einen klaren Anspruch an Nachhaltigkeit verbinden. Ich bin überzeugt, es gibt in der Schweiz mehr als diese 1300 Unternehmen und 17’000 Arbeitstätigen mit gleicher Schwerpunktsetzung. Grösse hilft, um mehr Marktdruck für nachhaltige Anlagen zu generieren, weshalb Abendrot Wachstum anstrebt – nachhaltig, versteht sich.

 

Wenn du in einigen Jahren zurückblickst – woran möchtest du erkennen, dass du als Präsident etwas bewirkt hast?

Abendrot ist eine Marke mit viel Tradition und einer klaren Identität. Traditionen sollen regelmässig wohlwollend hinterfragt werden, eine Identität soll Wegleitung, aber nicht Fessel sein. Ich verstehe meine Aufgabe als Stiftungsratspräsident, dass ich ein Klima mitgestalte, das zu Hinterfragen und Diskutieren im Gremium anregt und werde mich selber in einigen Jahren daran messen.

 

Die Mitarbeitenden der Geschäftsstelle wünschen Urs Bieri viel Freude und Erfüllung in seiner neuen Aufgabe und freuen sich auf die Zusammenarbeit.

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