Im Januar 2026 übernahm Annette Reutzel ihre neue Aufgabe im Anlageausschuss Immobilien. Sie bringt frische Perspektiven aus der Bau- und Immobilienbranche ein.
Frau Reutzel, Sie sind seit über 20 Jahren in der Bau- und Immobilienbranche tätig. Was hat Sie motiviert, das Mandat im Anlageausschuss Immobilien der Stiftung Abendrot zu übernehmen?
Das Mandat ist für mich eine grosse Verantwortung und zugleich eine Chance, mich im Interesse der Versicherten einzubringen. Ziel ist es, langfristigen und nachhaltigen Mehrwert zu schaffen und damit sichere Renten zu ermöglichen. Dabei kann ich meine Erfahrung aus der Bau- und Immobilienbranche sinnvoll einsetzen und die Entwicklung des Portfolios mitzusteuern. Besonders angesprochen haben mich die klare Werteorientierung von Abendrot und der wirkungsorientierte Anlageansatz.
Sie haben an grossen und komplexen Bau- und Entwicklungsprojekten gearbeitet. Welche Erfahrungen prägen Ihre Sicht auf gute Immobilienentwicklung?
Gute Immobilienentwicklung beruht auf langfristigem Denken, klaren Zielen und nachhaltigen Lösungen. Wichtig ist, früh qualitative Leitplanken festzulegen. Gleichzeitig braucht es Flexibilität, um auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren zu können. Zentrale Erfolgsfaktoren sind zudem eine enge Abstimmung aller Beteiligten sowie eine transparente Kommunikation – besonders in der Entwicklungsphase.
Prägend sind für mich die Unterschiede zwischen Entwicklungs- und Realisationsphase. Arealentwicklungen sind meist mehrjährige und komplexe Prozesse, die Ausdauer sowie sorgfältige Koordination erfordern. Einspracheverfahren und umfangreiche Auflagen gehören heute zur gängigen Praxis. Entscheidend sind tragfähige Nutzungskonzepte sowie Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und adäquate Anpassungsfähigkeit der Gebäude.
Die Bauphase ist dynamisch und entscheidungsintensiv. Umso wichtiger sind verlässliche Partner, klare Verträge, hohe Planungsqualität und ein geeignetes Ausführungsmodell. Entscheidend sind dabei Qualität, Kosten, Termine und Sicherheit. Die Inbetriebnahme des Gebäudes ist stets ein besonders positiver Moment.
Wie bringen Sie diese Erfahrungen in die Ausschussarbeit ein?
Die übergeordneten Ziele und Werte der Stiftung Abendrot sollen konsequent auf die Immobilienprojekte angewendet werden. Mein Ziel im Ausschuss ist es, Projekte über alle Phasen hinweg mit gezielten Inputs und fundierten Entscheiden erfolgreich mitzugestalten. Dazu gehört insbesondere die Mitwirkung bei traktandierten Geschäften wie Finanzierungs- und Investitionsanträgen laufender Projekte.
Ich sehe meine Rolle auch darin, Entscheidungsgrundlagen sorgfältig zu prüfen und fundiert zu beurteilen. Dabei geht es darum, Chancen und Risiken frühzeitig einzuordnen und mich für wirtschaftlich sinnvolle und nachhaltige Lösungen einzusetzen. So möchte ich zur hohen Qualität der Projekte und Anträge beitragen.
Wo sehen Sie aktuell die wirkungsvollsten Hebel für mehr Nachhaltigkeit im Immobilienbereich?
Die aktualisierte Nachhaltigkeitsstrategie von Abendrot mit klaren ESG-Zielen bietet dafür eine gute Grundlage. Die konkreten Hebel sind je nach Objekt unterschiedlich.
Eine zentrale Herausforderung liegt im Bestand und in der Umsetzung der CO₂-Absenkpfade. Wirkungsvollster Hebel in diesem Zusammenhang ist eine konsequente Abwendung von fossilen Brennstoffen in der Energieversorgung. Besonders effektiv sind kombinierte Massnahmen – etwa bei der Baustoffwahl, der Nutzung von Photovoltaik, der Reduktion des Wasserverbrauchs, der Betriebsoptimierung sowie energetische Sanierungen. Da jedes Gebäude anders ist, braucht es objektspezifische Lösungen. Zudem sind flexible Strukturen vorteilhaft, um sie künftig an verändernde Marktbedürfnisse und Gegebenheiten anpassen zu können.
Auch sozial verträgliche Nutzungskonzepte spielen eine wichtige Rolle. Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit sehe ich unter anderem im bewohnten Sanieren sowie in langfristig tragfähigen Mietlösungen mit gesellschaftlichem Mehrwert besonders wirkungsvolle Hebel.
Welche Chancen sehen Sie in der Strategie, direkt in eigene Liegenschaften zu investieren?
Eigene Liegenschaften bieten hohe Transparenz über den gesamten Lebenszyklus, bringen aber auch entsprechende Verantwortung mit sich. Vorteile liegen in der direkten Steuerung der Bewirtschaftung, im engen Kontakt mit den Mietenden und in der Förderung langfristiger Mietverhältnisse. Ein direktes Immobilienportfolio ermöglicht umfassende Kontrolle über Entscheidungen und eröffnet durch aktives Asset- und Property-Management gezielte Entwicklungspotenziale. Anlagestrategien und Anlageansätze können direkter umgesetzt und enger verfolgt werden.
Erneuerungen und energetische Sanierungen können eigenständig geplant und konsequent umgesetzt werden – ebenso CO₂-Absenkpfade und sozialverträgliche Mietmodelle. Auch Entwicklungs- und Nachverdichtungspotenziale lassen sich gezielt nutzen.
Durch sorgfältige Qualitätsprüfung beim Ankauf und in der Entwicklung kann ein hochwertiges Portfolio aufgebaut und direkt bewirtschaftet werden. Das interne Immobilien-Know-how der Stiftung Abendrot leistet dabei einen wichtigen Beitrag zur Wertschöpfung.
Zudem ist ein direktes Immobilienportfolio weitgehend unabhängig von Kapitalmarktvolatilitäten, bietet transparente Cashflows.
Was spricht Sie am sozial-ökologischen Anlageansatz besonders an – und wo sehen Sie Entwicklungsmöglichkeiten?
Im Impact Investing wird die Wirkung bei Abendrot systematisch beurteilt – insbesondere hinsichtlich des Nutzens für Gesellschaft und Umwelt sowie des aktiven Beitrags der Investorin. Jede Anlage, auch jede Immobilie, entfaltet Wirkung und ist mit sozialer, ökologischer und ethischer Verantwortung verbunden.
Im Zentrum stehen auch Lebensqualität, gute Arbeits- und Wohnorte sowie Ressourcenschonung. Entwicklungspotenzial sehe ich in langlebiger, effizienter Bauweise mit gesundem Raumklima und in Nutzungskonzepten mit tragbaren, stabilen Mieten an gut erschlossenen Standorten.
Soziale Durchmischung ist wichtig für funktionierende Quartiere. Sie entsteht durch vielfältige Wohnungstypen und auch durch sozialverträgliche Mietangebote.
Nachhaltigkeit sollte über den gesamten Lebenszyklus beurteilt werden. Trotz höherer Anfangsinvestition trägts sie massgeblich zum langfristigen Werterhalt bei und wir zunehmend vom Markt nachgefragt, bewertet und steigert zudem die Nutzerqualität. Synergien aus der gleichzeitigen Umsetzung von Sanierungszyklen, energetischen Massnahmen und möglichen Nachverdichtungen lassen sich gezielt nutzen. Entsprechend können sich Rendite, Wert- und Nachhaltigkeit langfristig korreliert entwickeln.
Wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken: Gibt es ein Projekt oder eine Phase, die Sie besonders geprägt hat?
Ich habe Projekte über alle SIA-Phasen hinweg entwickelt und realisiert. Jedes Projekt war ein Unikat mit eigenen Herausforderungen. Themen wie Wirtschaftlichkeit, Kosten, Termine, Qualität, Nachhaltigkeit und Mieterträge standen stets im Zentrum. Über alle Phasen hinweg konnte ich wertvolle bauliche und wirtschaftliche Erfahrungen sammeln – in verschiedenen Städten und Kantonen. Das ist für meine neue Aufgabe sehr hilfreich.
Ein besonders prägendes Beispiel ist das technisch komplexe Grossprojekt in Horgen. Es umfasste einen Gestaltungsplan mit mehreren Baueingaben für rund 450 Wohnungen sowie Gewerbeflächen, realisiert in mehreren Etappen und mit unterschiedlichen Ausführungsmodellen. Die Gebäude weisen unterschiedliche Wohncharaktere auf und tragen zu einer vielfältigen, gemischt genutzten Quartierstruktur bei. Eine stillgelegte Fabrik wurde erhalten und in ein modernes Loftgebäude umgebaut. Zur Energieversorgung der Neubauten wird die Abwärme des anliegenden Datacenters genutzt. Das Quartier wurde vom Markt sehr gut aufgenommen, alle Wohnungen sind vermietet.
Parallelen zu Abendrot sehe ich in der langfristigen, qualitätsorientierten Entwicklung solcher Projekte, die über viele Jahre im eigenen Portfolio gehalten werden.
Welche Ziele setzen Sie sich in den ersten Monaten Ihrer Amtszeit?
Zu Beginn möchte ich das Immobilienportfolio der Stiftung Abendrot vertieft kennenlernen und mich intensiv mit den aktuellen Themen des Ausschusses auseinandersetzen. Ziel ist es, die objekt- und strategiespezifischen Besonderheiten rasch zu verstehen, um wirkungsvoll mitarbeiten zu können.
Ich möchte mich aktiv und konstruktiv einbringen und zu den Vorlagen fundierte, praxisnahe Inputs liefern. Schwerpunkte sehe ich bei Finanzierungsanträgen sowie bei übergeordneten immobilienbezogenen Fragestellungen. Wichtig ist mir, bestehende Strukturen und Prozesse zunächst sorgfältig zu verstehen und darauf aufbauend gezielt Weiterentwicklungsimpulse zu setzen. Mit einer vorausschauenden Denkweise möchte ich zur nachhaltigen und langfristigen Wertentwicklung des Portfolios beitragen.
Was ist Ihnen für die Zusammenarbeit im Ausschuss wichtig – fachlich und menschlich?
Eine erfolgreiche Zusammenarbeit sollte sich stets am besten Interesse der Stiftung Abendrot und ihrer Projekte orientieren. Transparenz, Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit sind für mich zentrale Grundsätze.
Fachlich und menschlich ist mir wichtig, dass sich die Mitglieder ergänzen, unterschiedliche Perspektiven einbringen und effizient als Team arbeiten. Ich schätze offene, fundierte und lösungsorientierte Diskussionen, in denen verschiedene Sichtweisen respektvoll abgewogen werden. Gute Vorbereitung, transparente Entscheidungsgrundlagen und die gemeinsame Ausrichtung auf langfristige Ziele sind entscheidend.
Auf menschlicher Ebene sind Vertrauen, gegenseitiger Respekt und eine konstruktive Gesprächskultur zentral. Tragfähige Entscheide entstehen dort, wo auch unterschiedliche Meinungen wertschätzend diskutiert werden und das gemeinsame Verantwortungsbewusstsein im Vordergrund steht.
Wir freuen uns, Annette Reutzel in ihrer neuen Funktion willkommen zu heissen. Mit ihrem Engagement und ihrer Erfahrung wird das Immobilienportfolio von Abendrot weiterhin nachhaltig und werthaltig entwickelt.
Annette Reutzel
Dipl.-Bauingenieurin, MBA Internationales Immobilienmanagement
Langjährige Erfahrung in Bau und Immobilienentwicklung (Realstone SA, Losinger Marazzi AG)
Schwerpunkte: Projektentwicklung und Realisation von Renditeanlagen, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Qualität