Nach fast acht Jahren trat Andreas Stöcklin per Ende 2025 aus dem Anlageausschuss Immobilien (AAI) der Stiftung Abendrot zurück. Mit grossem Engagement hat er die Entwicklung des Immobilienportfolios mitgeprägt.
Herr Stöcklin, Sie waren viele Jahre Teil des Anlageausschusses Immobilien der Stiftung Abendrot. Was hat Sie ursprünglich bewogen, dieses Mandat zu übernehmen?
Aufgrund einer krankheitsbedingten Absenz übernahm ich kurzfristig die Stellvertretung einer Projektleiterin in der Immobilienabteilung. Diese Aufgabe übte ich rund ein halbes Jahr aus. In dieser Zeit lernte ich die Arbeit der Stiftung Abendrot und die Rolle der Bauherrenvertretung gut kennen.
Als später eine Vakanz im Ausschuss entstand, wurde ich angefragt. Durch meine langjährige Tätigkeit in einem kommunalen Bauausschuss traute ich mir die Beurteilung von Projekten zu. Da ich die Stiftung Abendrot zudem seit vielen Jahren kenne und ihre Arbeit stets mit Interesse verfolgt habe, fiel mir die Zusage leicht.
Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Welche Entwicklungen im Immobilienportfolio prägen Ihre Erinnerung besonders?
Beeindruckt hat mich die starke Ausstrahlung der Stiftung Abendrot in der Branche und die grosse Zahl spannender Projekte, die an sie herangetragen wurden. In dieser Zeit erlebte ich auch eine deutliche Professionalisierung der Immobilienabteilung. Anfragen, Prüfungen und Verhandlungen konnten dadurch auf sehr hohem Niveau geführt werden.
Gibt es Projekte oder Arealentwicklungen, die Sie als Meilensteine sehen – und warum?
Es gibt mehrere Beispiele. Besonders interessant finde ich die Entwicklung des Weberguts in Zollikofen. Die Zusammenarbeit mit dem Verein «Urbane Dörfer» ist spannend. Zudem ist die Umnutzung eines Bürogebäudes in eine lebendige Wohnnutzung beispielhaft für den Umgang mit Bestandsbauten dieser Zeit. Dieses Projekt werde ich mit Interesse weiterverfolgen.
Bemerkenswert ist auch die Arealentwicklung der alten Mosterei in Egnach. Dort zeigt sich, wie identitätsstiftende Bestandsbauten und Neubauten zusammenspielen und gemeinschaftliche Aspekte fördern können. In beiden Fällen leisten engagierte Architekturbüros einen wichtigen Beitrag.
Abendrot verfolgt einen klaren sozial-ökologischen Ansatz. Wie hat dieser Wertekompass die Entscheidungsprozesse im Ausschuss beeinflusst?
Diese Grundhaltung war stets präsent. Wir haben uns intensiv mit verschiedenen Ökolabels und deren Praxistauglichkeit befasst. Die heute verwendete Bewertungsmatrix berücksichtigt neben bauökologischen Kriterien auch soziale Aspekte und den gesellschaftlichen Impact.
Die entsprechenden Abklärungen erfolgen in der Regel bereits im Vorfeld. So stehen den Ausschussmitgliedern fundierte Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung, die eine konsistente Beurteilung ermöglichen.
Architektur sucht die ideale Lösung – Immobilienanlagen brauchen eine tragfähige. Gab es Situationen, in denen Sie umdenken mussten?
Als Architekt kenne ich die unterschiedlichen Interessenlagen in Projekten gut. Gute Architektur und Kostensicherheit müssen sich nicht widersprechen. Wichtig ist eine saubere Strukturierung der Prozesse.
Die Trennung von Entwurf und Ausführung hat sich auch in der Schweiz etabliert. TU-Modelle bieten bei Wohnbauten oft mehr Termin- und Kostensicherheit, bringen aber eigene vertragliche Herausforderungen mit sich. Für Anlageentscheide ist eine gesicherte Rendite im Interesse der Versicherten zentral.
Der Ausschuss trägt Verantwortung für grosse Investitionen. Welche Grundprinzipien waren Ihnen bei Entscheiden besonders wichtig?
Für mich standen ein überzeugendes Konzept und gestalterische Qualität immer im Vordergrund. Die sehr sorgfältig vorbereiteten Unterlagen ermöglichten eine vertiefte Prüfung von Plänen, Kosten und Konzepten im Vorfeld.
In den Sitzungen konnten offene Fragen meist rasch geklärt werden. Ebenfalls hilfreich waren die Beiträge der Immobilienbewirtschaftung, die ebenfalls vertreten war. Bei wichtigen Neuprojekten bildeten Begehungen und Gespräche vor Ort eine wichtige Entscheidungsgrundlage.
Welche Herausforderungen sehen Sie künftig für Pensionskassen im Bereich direkter Immobilienanlagen?
Die finanziellen Spielräume werden enger, und der Zugang zu geeigneten Grundstücken und Arealen bleibt entscheidend. Projekte mit ausreichender Rendite zu finden, wird anspruchsvoller. Der Wettbewerb hat deutlich zugenommen – auch in Bereichen, die früher weniger im Fokus standen, etwa bei ehemaligen Werksarealen.
Gleichzeitig ist die Reduktion der Treibhausgase eine grosse Herausforderung für die Bauwirtschaft. Pensionskassen als professionelle Investoren und Betreiber tragen hier eine besondere Verantwortung.
Was haben Sie aus der Zusammenarbeit im Ausschuss fachlich und menschlich mitgenommen?
Besonders geschätzt habe ich die Ernsthaftigkeit, konkrete Probleme anzugehen und die Sorgfalt in der Vorbereitung der Geschäfte. Die Traktanden konnten effizient behandelt werden, die Diskussionen waren respektvoll und fachlich fundiert. Unterschiedliche Perspektiven hatten Platz und wurden ernst genommen.
Während der Pandemie fanden einige Sitzungen virtuell statt. Umso stärker war danach der Wunsch nach persönlichen Treffen. Der direkte Austausch fördert die Qualität der Diskussionen – und auch die persönlichen Gespräche rund um die Sitzungen waren bereichernd.
Welchen Wunsch geben Sie dem AAI und der Stiftung Abendrot für die kommenden Jahre mit?
Ratschläge braucht die Stiftung zum Glück keine. Ich würde mir wünschen, dass neben erfolgreichen Umnutzungen und Bestandserneuerungen auch im Neubaubereich weitere Leuchtturmprojekte entstehen. Angesichts der Herausforderungen des Klimawandels darf dabei gern noch mehr Pioniergeist sichtbar werden.
Wir danken Andreas Stöcklin herzlich für seinen Einsatz und die wertvolle Arbeit im AAI. Mit seiner fachlichen Kompetenz, seinem Engagement und seinem sorgfältigen Blick für Qualität und Nachhaltigkeit hat er die Entwicklung des Immobilienportfolios wesentlich mitgeprägt. Für die Zukunft wünschen wir ihm alles Gute und weiterhin viel Erfolg.
Andreas Stöcklin
Architekt, Gründer restudio AG
Langjährige Erfahrung in Architektur, Projektleitung und Management
Fokus: nachhaltige Arealentwicklung, gestalterische Qualität, wirtschaftliche Sicherheit