Surprise setzt seit über 25 Jahren ein starkes Zeichen für Menschen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind. In ihrem Engagement macht der Verein sichtbar, wie Wert jenseits von Leistung entsteht – durch Begegnung, Teilhabe und Selbstbestimmung.
In einer Gesellschaft, die oft Leistung, Effizienz und ökonomische Werte in den Mittelpunkt stellt, geraten Menschen mit sozialen Hürden schnell an den Rand. Surprise steht genau an dieser Schnittstelle: Der gemeinnützige Verein unterstützt armutsbetroffene und sozial ausgegrenzte Menschen in der Schweiz durch Erwerbsmöglichkeiten, Teilhabeangebote und niederschwellige Begleitung – mit dem Ziel, ihre Fähigkeiten zu aktivieren und ihnen wieder gesellschaftliche Bedeutung zu geben.
Im Gespräch mit den beiden Co-Geschäftsführerinnen Jannice Vierkötter und Nicole Amacher zeigt sich, wie Surprise Wert durch konkrete Teilhabe sichtbar macht.
Was bedeutet es für Sie, Teil von Surprise zu sein – und welchen Wert sehen Sie in Ihrer Aufgabe?
JV: Für mich ist es zentral, mit Menschen zu arbeiten, ihnen zuzuhören und sie in schwierigen Situationen zu unterstützen. In meiner früheren Arbeit im Integrationsbereich habe ich erlebt, wie wichtig es ist, Menschen wieder in ihre Würde zu bringen. Bei Surprise sehe ich jeden Tag, wie Begegnungen auf Augenhöhe neue Wege öffnen.
NA: Diese Arbeit empfinde ich als Privileg. Surprise ist aus meiner Sicht ein sehr innovatives, sinnstiftendes Projekt, weil hier Menschen nicht verwaltet, sondern befähigt werden. Es entsteht ein Arbeitsumfeld, das auf Freiwilligkeit und gegenseitigem Respekt basiert.
Wie verändert sich die Würde und das Selbstverständnis von Menschen, wenn sie durch Surprise eine Aufgabe, ein Einkommen oder eine Gemeinschaft finden?
JV: Gerade Sichtbarkeit und Teilhabe lösen zentrale Veränderungen aus: Die Stadtführerinnen und Stadtführer beispielsweise treten nicht mehr als Randständige auf, sondern als Expertinnen und Experten ihrer Erfahrungen und erhalten über Surprise viele Medien- und Vortragsanfragen. Für die Heftverkäuferinnen und -verkäufer bedeutet das Einkommen aus dem Surprise-Verkauf Selbstbestimmung und gesellschaftliche Anerkennung. Chor, Strassenfussball und weitere Angebote schaffen zudem soziale Netzwerke, die den Alltag stabilisieren.
«Im Zentrum stehen und
Applaus erleben stärkt.»
Welches Ihrer Angebote schafft aus Ihrer Sicht den grössten Mehrwert?
JV: Jedes Angebot hat seinen eigenen Wert. Ökonomisch ist der Heftverkauf zentral, weil die Verkäuferinnen und Verkäufer direkt Geld verdienen. Zugleich fördert er soziale Teilhabe. Chor oder Strassenfussball schaffen Gemeinschaft, Struktur und Austausch. Alle Angebote werden begleitet und wir vermitteln zu externen Fachstellen – wenn nötig.
NA: Singen tut den Menschen gut, denn im Zentrum stehen und Applaus erleben stärkt. Entscheidend ist auch der Zusammenhalt im Chor-, Fussball- oder Verkaufsteam. Viele Teilnehmende haben Migrationshintergrund, kommen aus Working-Poor-Haushalten oder haben Schicksalsschläge erlebt; viele leben isoliert. Alle unsere Angebote sind freiwillig und bieten Beratung, Struktur und Netzwerke – auch für Menschen, die nicht im staatlichen Sozialsystem sind. Viele nutzen mehrere Angebote gleichzeitig.
Wie haben sich gesellschaftliche Werte wie Solidarität oder Respekt verändert?
NA: Solidarität ist nach wie vor vorhanden, doch die Menschen sind heute kostenbewusster. Der Heftverkauf ist seit Corona leicht rückläufig. Gleichzeitig beobachten wir eine rauere Stimmung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund – viele Verkaufende sind vermehrt mit Rassismus konfrontiert.
Ihre Arbeit erfordert Beharrlichkeit – was gibt Ihnen persönlich Kraft?
JV: Kraft schöpfe ich daraus zu sehen, wie Menschen ihre schwierigen Lebenssituationen meistern und ihr Leben wieder selbst gestalten. Das motiviert mich weiterzumachen.
NA: Mich inspiriert die Resilienz der Angebotsteilnehmenden. Sie erkennen ihre Erfahrungen als Mehrwert und können damit die Gesellschaft als Expertinnen und Experten der Armut informieren und sensibilisieren – als Stadtführerin, Podiumsteilnehmer oder in anderen Rollen. Das motiviert mich und schafft eine positive Dynamik im Team.
«Lernen Sie die Menschen kennen
und hören Sie ihre Geschichten.»
Zum Schluss: Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben?
JV: Haben Sie Mut, das Gespräch zu suchen. Lernen Sie die Menschen kennen und hören Sie ihre Geschichten. Sprechen Sie einen Verkäufer oder eine Verkäuferin einmal an.
NA: Oder besuchen Sie einen Stadtrundgang - das ist ein echter Türöffner für Begegnung und Perspektivenwechsel.
Verein Surprise
Surprise unterstützt seit 1998 armutsbetroffene und ausgegrenzte Menschen in der Schweiz. Mit Erwerbsmöglichkeiten, Angeboten zur gesellschaftlichen Teilhabe und niederschwelliger Begleitung eröffnet der soziale Verein ihnen neue Perspektiven und konkrete Möglichkeiten. Surprise arbeitet nicht gewinnorientiert und finanziert sich ohne öffentliche Gelder. Seit 2001 ist der Verein Abendrot angeschlossen.
Standorte: Basel (Hauptsitz), Bern, Zürich, Aarau
Strassenmagazin Surprise
Das Heft wird von einem professionellen Redaktionsteam erstellt und erscheint alle zwei Wochen. Durch den Heftverkauf erarbeiten sich über 500 Verkäuferinnen und Verkäufer in der Deutschschweiz ein eigenes Einkommen.