Mit der Rubrik «Fakten und Meinungen» schaffen wir Raum für fundierte Einordnungen aktueller energiepolitischer Debatten. Rudolf Rechsteiner, Energieexperte, Dozent an der ETH Zürich und der Stiftung Abendrot seit ihrer Gründung verbunden, beleuchtet in einer losen Serie zentrale Fragen rund um die Energiewende.
Rösti alleine zuhaus
Der Energieminister forciert neue AKWs um jeden Preis. Das Parlament steckt mehrheitlich den Kopf in den Sand und will von Kosten und Risiken nichts hören. Dabei entfernt sich Atomstrom immer weiter von der Wettbewerbsfähigkeit. Erneuerbare Energien liefern schnellere, bessere und viel billigere Lösungen.
Von Rudolf Rechsteiner,
Dozent für Projektentwicklung im Bereich der erneuerbare Energien an der ETH Zürich
Im Juni 2024 sagten 68,7 Prozent der Stimmberechtigten Ja zum «Stromgesetz». Saubere Stromerzeugung aus Wasserkraft, Sonne und Wind soll bis 2045 verdoppelt werden. So gibt es mehr als genug Strom, um die alten Atomkraftwerke abzuschalten und die CO2-Emissionen gegen null zu bringen, inklusive neue Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und Rechenzentren.
Spitzkehre im Bundesrat
Trotz dem eindeutigen Volksentscheid beschloss der Bundesrat auf Druck von Albert Rösti, das seit 2017 bestehende AKW-Neubauverbot sei aufzuheben. Im Parlament findet sich Unterstützung. Die aktuelle Energiestrategie 2050 soll «technologieoffen» untergraben werden. SP, Grüne, Grünliberale und namhafte Teile der Mitte-Partei wehren sich, zurecht:
- Ein neues AKW wie es etwa in Flamanville (F) 2023 in Betrieb ging, würde in der Schweiz etwa 30 Milliarden kosten, «Swiss Finish» eingerechnet. Der Netzzuschlagsfonds mit 1 Milliarde Franken Einnahmen pro Jahr müsste 18 Milliarden Subventionen beisteuern. Für Solarstrom, Wasserkraft und Windenergie bliebe kaum etwas übrig.
- Bandenergie aus Atomkraftwerken drückt auf die Strompreise, denn die Produktion läuft rund um die Uhr, auch dann, wenn der Strom nicht gebraucht wird. Überschüsse aus Grosskraftwerken lassen sich nicht so einfach in Batterien, Wärmespeichern oder E-Mobilen verwerten wie die dezentrale Photovoltaik. Alle erneuerbaren Energien – auch Laufwasserkraft, Wind- und Solarenergie kämen durch den ruinösen Verdrängungswettbewerb unter Druck.
Teuer, langsam, gefährlich
Erfahrungen aus dem Ausland zeigen: bei neuen Atomkraftwerken werden Baukosten und Bauzeiten regelmässig überschritten. Die Nationalratskommission (Urek) beschloss aber mit Stichentscheid, über Kosten werde hier nicht diskutiert.
Zuvor warnte die Finanzkommission: «Nirgends sind die Projektrisiken so hoch wie bei Kernkraftwerken». Dazu kommen der gefährliche Atommüll, das Unfallrisiko, die Uran-Abhängigkeit von Russland.
«Technologieoffen» war die Atomlobby noch nie. Seit Jahrzehnten blockiert sie die Energiewende mit allen denkbaren Mitteln, zum Beispiel mit Desinformationskampagnen wie die neuste «Studie» des Atomkonzerns Axpo.
Darin wird neuer Atomstrom extrem billig dargestellt – billiger als erneuerbare Energien! Es koste den Bund nur 4,4 Rp/kWh, ein neues AKW zu bauen. Allerdings will die Axpo selber dazu keinen einzigen Rappen beisteuern, das Risiko sei zu gross. Zahlen solle der Staat.
Für grossspurige Atompläne fehlt der Axpo die Rückendeckung. «Es gibt keinen Auftrag an die Axpo Holding, den Kanton mit Strom zu versorgen», schrieb der Zürcher Regierungsrat schon 2015. Die Axpo sei «vornehmlich eine Beteiligung aus finanziellen Interessen» [1].
Auffällig: Die Atomkonzerne Alpiq und BKW sagen kein Wort dazu, denn sie wissen: Für Atom-Abenteuer würden sie an der Börse sofort abgestraft. Ihre Bonität wäre in Gefahr.
Auch beim Bundesamt für Energie und an den Hochschulen findet sich keine einzige ernstzunehmende Studie oder Fachperson, die den Bau neuer Atomkraftwerke als unausweichlich empfiehlt.
Falsch gerechnet
Die Atomlobby mag zwar jubeln über willfährige Magistraten wie Albert Rösti und das Einknicken der Mitte-Partei. Hier wird die Rechnung aber ohne den Wirt gemacht: AKWs entfernen sich durch den Preiszerfall für Solarmodule und Batterien immer weiter von der Wettbewerbsfähigkeit. Atomstrom kostet auf dem Papier vielleicht 20 Rp/kWh (s. Abbildung), das meiste sind Fixkosten (Zinsen, Personal). Doch die Rechnung ist unvollständig: Im Sommerhalbjahr lässt sich Bandenergie gar nicht verkaufen, denn Solarstrom und Batterien füllen das Stromnetz, wie man an den negativen Strompreisen am Spotmarkt heute schon erkennen kann. Also müsste man die hohen Kosten eines neuen AKWs allein auf die Wintermonate verteilen. Sie würden sich auf ca. 30 bis 40 Rp/kWh verdoppeln.
Nur: im Winter kommt dem Atomstrom billiger Windstrom aus Europa in die Quere. Die Strompreise in der Schweiz werden in der EU gemacht. Der Verkauf von Atomstrom zu kostendeckenden Bedingungen bliebe selbst im Winterhalbjahr unsicher.
Chancen nutzen – Erneuerbare & Speicher
Die Schweiz hat viele bessere Lösungen als Atomstrom:
- Windenergie ist bei uns seit Jahrzehnten blockiert, hat aber mit 66 Prozent Winteranteil ein passendes Profil.
- Photovoltaik liefert 40 Prozent Winterstrom an Standorten auf den Jurahöhen und in den Voralpen. Zum halben Preis von neuem Atomstrom.
- Auch Strom-Überschüsse aus der Nordsee gelangen in Zukunft im Winterhalbjahr vermehrt in die Schweiz. Eine bidirektionale Bewirtschaftung der Saisonspeicher (Ausbau zu Pumpspeicher-Wasserkraftwerken) könnte aus dem Netzzuschlag unterstützt werden. Die Versorgungssicherheit steigt, und im Stromhandel winken lukrative Mehreinnahmen.
Pumpspeicher und Batterien stabilisieren die Netze und schaffen Flexibilität. Neue Atomkraftwerke tun das Gegenteil. Ein teures, unnötiges Klumpenrisiko, das es abzulehnen gilt.
[1] 1188. Risikoberichterstattung im Strombereich (Konzept) Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich, Sitzung vom 16. Dezember 2015