Mit der Pensionierung steht eine der wichtigsten finanziellen Entscheidungen des Lebens an: Soll das Altersguthaben als Kapital bezogen oder in eine lebenslange Rente umgewandelt werden? Die Zahlen zeigen einen klaren Trend – und doch gibt es keine pauschal richtige Antwort.
Gemäss der Neurentenstatistik 2024 des Bundesamtes für Statistik (BFS) liessen sich 45 Prozent der Neupensionierten ihr Altersguthaben ausschliesslich als Kapital auszahlen, weitere 19 Prozent wählten eine Mischform aus Rente und Kapital. Die Tendenz ist steigend: Immer mehr Versicherte entscheiden sich für einen vollständigen oder teilweisen Kapitalbezug. Die Rentenlösung bietet jedoch weiterhin wichtige Vorteile, die nicht unterschätzt werden sollten.
Die optimale Wahl hängt von den persönlichen Lebensumständen, den finanziellen Bedürfnissen und der individuellen Risikobereitschaft ab.
Die Vorteile eines Kapitalbezugs
Wer sein Altersguthaben ganz oder teilweise als Kapital bezieht, gewinnt finanzielle Flexibilität. Das Vermögen kann nach den eigenen Vorstellungen eingesetzt werden – etwa für die Rückzahlung einer Hypothek, grössere Anschaffungen, Reisen oder zur Unterstützung von Familienangehörigen.
Ein weiterer Vorteil: Das Kapital kann investiert werden und eröffnet dadurch zusätzliche Renditechancen. Zudem lässt sich verbleibendes Vermögen an die Erben weitergeben, was bei einer lebenslangen Rente nur eingeschränkt möglich ist. Gemäss einer Umfrage der ZKB ist dies mit ein Grund, weshalb sich ein Drittel der Befragten für einen Kapitalbezug entscheiden würde – neben steuerlichen Überlegungen: Die Auszahlung wird zu einem separaten, oft privilegierten Steuersatz besteuert.
Die Herausforderungen des Kapitalbezugs
Die gewonnene Freiheit bringt eine grosse Verantwortung mit sich. Wer sein Kapital bezieht und selbst anlegt, trägt das Anlagerisiko selbst – die Banken übernehmen bei schlechtem Börsengang keine Garantien. Wie lange das Vermögen ausreicht, hängt direkt von der Entwicklung der Finanzmärkte, der Inflation und der Höhe der Ausgaben im Ruhestand ab.
Auch die steigende Lebenserwartung ist nicht zu unterschätzen: Viele Rentenbeziehende geniessen ihren Ruhestand heute 20 bis 30 Jahre oder länger. Deshalb ist es wichtig, das Kapital sorgfältig einzuteilen, zu planen und zu verwalten, damit auch im hohen Alter noch genügend zur Verfügung steht. Ein Kapitalbezug bedeutet: lebenslang selbst vorsorgen.
Hinzu kommen mögliche Mehrkosten durch Krankheit, Pflege oder unerwartete Lebensereignisse. Wird das Vermögen zu rasch aufgebraucht, können die finanziellen Möglichkeiten im Alter eingeschränkt werden – im ungünstigsten Fall droht Mittellosigkeit und die Beantragung von Ergänzungsleistungen.
Die Vorteile einer lebenslangen Rente
Die Altersrente der Pensionskasse bietet vor allem eines: Sicherheit. Monat für Monat zahlt die Pensionskasse pünktlich die Altersrente aus – unabhängig davon, wie alt die versicherte Person wird oder wie sich die Finanzmärkte entwickeln.
Das sogenannte Langlebigkeitsrisiko trägt die Pensionskasse. Versicherte müssen sich also keine Sorgen machen, dass ihr Vorsorgekapital im hohen Alter aufgebraucht sein könnte. Stirbt eine verheiratete Person, erhält die hinterbliebene Ehepartnerin oder der hinterbliebene Ehepartner eine Hinterlassenenrente.
Zudem entfällt die Verantwortung für Anlageentscheide und die laufende Vermögensverwaltung. Die Rente schafft finanzielle Planbarkeit und erleichtert die Budgetierung der laufenden Lebenshaltungskosten. Anders als beim Kapitalbezug werden die Rentenzahlungen als ordentliches Einkommen besteuert, nicht zum privilegierten Steuersatz.
Die Mischlösung als möglicher Mittelweg
Für viele Versicherte kann eine Kombination aus Rente und Kapital eine interessante Alternative sein. Ein Teil des Altersguthabens sichert über die lebenslange Rente die Grundausgaben wie Wohnen, Krankenkasse und Lebenshaltungskosten. Der restliche Teil steht als Kapital für individuelle Wünsche, grössere Projekte oder als finanzielle Reserve zur Verfügung. Diese Lösung gewinnt zunehmend an Bedeutung, weil sie oft die Vorteile beider Varianten verbindet.
Welche Fragen muss man sich stellen?
Vor der Entscheidung lohnt es sich, folgende Fragen zu prüfen:
- Reichen AHV und Pensionskassenrente aus, um die laufenden Lebenshaltungskosten zu decken?
- Wie hoch ist mein Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit?
- Bin ich bereit und in der Lage, mein Vermögen langfristig selbst zu verwalten?
- Wie hoch ist meine Risikobereitschaft?
- Welche Rolle spielen Erben oder Nachlassplanung?
- Verfüge ich über weitere Vermögenswerte oder Einkommensquellen?
- Wie sehen meine Wohn- und Familiensituation sowie meine Gesundheitsverhältnisse aus?
Gut vorbereitet entscheiden
Ob Kapital oder lebenslange Rente bezogen werden soll, gehört zu den wichtigsten Entscheidungen für die finanzielle Zukunft. Ein Kapitalbezug ermöglicht mehr Flexibilität und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten, die Altersrente bietet dafür ein hohes Mass an Sicherheit und ein garantiertes Einkommen bis ans Lebensende.
Es lohnt sich, die persönliche Situation sorgfältig zu analysieren und die Auswirkungen verschiedener Möglichkeiten frühzeitig zu prüfen. Eine unabhängige Gesamtberatung hilft, die langfristigen finanziellen Folgen richtig einzuschätzen. Entscheidend ist, dass die gewählte Lösung nicht nur die ersten Jahre nach der Pensionierung berücksichtigt, sondern die finanzielle Sicherheit über den gesamten Ruhestand gewährleistet.