Warum eine kluge Anlagestrategie wichtiger ist als eine pauschale Erhöhung der Aktienquote
In den Medien wird derzeit häufig der vergleichsweise tiefe Aktienanteil der Schweizer Pensionskassen kritisiert. Er gilt als Hauptgrund für die bescheidenen Renditen und die niedrige Verzinsung der Altersguthaben. Der Ruf nach einer höheren Aktienquote – mit Verweis auf ausländische Pensionskassen und Endowments – wird entsprechend lauter. Doch die Realität ist komplexer: Eine nachhaltige Anlagestrategie muss immer die spezifische Situation der einzelnen Vorsorgeeinrichtung berücksichtigen.
In der Praxis stellt sich zunächst die Frage der Risikofähigkeit: Verfügt eine Kasse über einen tiefen Rentneranteil, einen soliden Deckungsgrad und stabile Anschlüsse? Nur dann kann sie höhere Schwankungen überhaupt tragen. Doch selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, bleiben zentrale Fragen offen: Muss zwingend der Aktienanteil erhöht werden, um die erwartete Rendite zu steigern? Gibt es alternative Anlageformen? Wie wichtig ist die Liquidität der Anlagen – und welche Positionen sollten gegebenenfalls reduziert werden?
Bei der Stiftung Abendrot haben wir uns in den vergangenen Jahren bewusst gegen eine Erhöhung der Aktienquote entschieden. Stattdessen haben wir angesichts der tiefen Zinsen den Anteil an Obligationen reduziert und die freiwerdenden Mittel in illiquidere Anlagen investiert. Gleichzeitig wurde die Quote an Realwerten erhöht. Was bedeutet das konkret?
Obligationen funktionieren wie ein Kredit: Es gibt einen festen Zins (Coupon) und am Laufzeitende die Rückzahlung des investierten Betrags – sofern der Schuldner zahlungsfähig bleibt. Die Rendite ist damit weitgehend vorgegeben und im aktuellen Zinsumfeld entsprechend bescheiden. Wer hingegen bereit ist, eine gewisse Illiquidität zu akzeptieren und Kapital beispielsweise für drei Jahre zu binden, kann in Privatmarkt-Darlehen deutlich höhere Renditen erzielen – bei vergleichbarem Risiko.
Auch Realwerte wie Infrastrukturanlagen oder Private Equity weisen in ihrer Renditecharakteristik Aktienähnlichkeit auf, sind jedoch tendenziell weniger volatil und gelten daher nach klassischer Lesart als weniger risikobehaftet. Für die Stiftung Abendrot sind solche Privatmarktanlagen zudem besonders attraktiv, weil sie unseren Wirkungsgedanken besser unterstützen als börsenkotierte Investitionen. Selbstverständlich behalten wir dabei das Liquiditätsrisiko stets im Blick.
Die Ergebnisse sprechen für sich: Unsere Anlagestrategie ist deutlich weniger volatil, erzielt eine gute Rendite und weist eine im Marktvergleich überdurchschnittliche Verzinsung auf – bei stabilem Deckungsgrad und Rentneranteil.
Pauschale Forderungen nach höheren Aktienquoten greifen daher zu kurz – gefragt ist eine differenzierte, risikoadäquate Betrachtung der jeweiligen Vorsorgeeinrichtung, statt standardisierter Beraterempfehlungen.